Mediennutzung

Medien: eine mächtige Instanz!

2012, acht Jahre nachdem Facebook gestartet wurde, als europaweit die ersten massiven Auswirkungen auf die Erziehung, Pädagogik und Gesellschaft sichtbar wurden und ich meine erste Ausbildung zum "Trainer für medienpädagogische Elternarbeit" in Karlsruhe absolvierte, ahnte ich noch nicht, mit welcher mächtigen Instanz wir es zu tun haben.

Günther Ebenschweiger
Günther Ebenschweiger

Internet, soziale Medien und Smartphone haben uns verändert und beeinflussen uns Menschen immer mehr: mit Abhängigkeit, "fear of missing out" (FOMO), Hate-Speech, Fake-News, (Cyber-)Mobbing, Sexting, Gesundheit, Cybercrime, Extremismus sowie Verlust von Empathie, Kreativität, Kommunikation, Beziehung und realem Wissen über Natur, Tiere, Wald u.v.m.

Es liegt mir fern, "Medien" wie Smartphone, Tablet, Computer, Internet usw. in Verbindung mit sozialen Plattformen zu verdammen, denn diese digitalen Medien unterstützen uns mittlerweile 24 Stunden – also rund um die Uhr – im Alltag.

Was allerdings in Österreich fehlt, sind die Kompetenzen, die wir – Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene – aufgrund der rasanten technischen Entwicklung bisher nicht ausreichend erlernt haben, verbunden mit der Verweigerung von Entscheidungsträgern, diese mächtige Instanz "Medien" einer ganzheitlichen Betrachtung zu unterziehen!

Prävention

Ein erster wesentlicher Schritt zur Verbesserung der Situation wäre mehr professionelle universelle, selektive bzw. indizierte Prävention. Ziel sollte sein, die Kompetenzen zu verbessern, den durch die "Instanz Medien" aufgezwungenen Digitalisierungsprozess positiv zu verändern, Wissen zu generieren und Motivation zu erzeugen, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu unterstützen, Opfer vom Schweigen zu entlasten und ihnen ohne Scham, Vorwurf und Schuld den Weg in die Öffentlichkeit zu erleichtern und zu ermöglichen.

(Un-)sichere Bindungen

Hier wäre es beispielsweise wichtig, bei den Eltern, bei der Erziehung anzusetzen, damit verstanden wird, dass nicht die Zeit des "Medienkonsums" entscheidend ist, sondern ganz besonders die Interaktion zwischen Eltern und Kind. "Haben Sie heute schon mit Ihrem Kind gesprochen und/oder gespielt?" ist hier die richtige Frage.

Gerade bei den "Kleinen" ist es wichtig, dass Eltern wissen, dass "Medien" die Eltern-Kind-Interaktion unterbrechen, etwa wenn Mamas/Papas trotz Augenkontakt mit den Kindern mit dem Handy telefonieren oder – was auch oft zu sehen ist – das Kind im Kinderwagen geschoben wird und gleichzeitig telefoniert wird. Das führt insofern zu Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, als diese zu schmollen, zu jammern beginnen und hyperaktiv werden. Das wiederum führt zu Stressgefühlen bei den Eltern (Gereiztheit, noch mehr Medienkonsum) und endet in einem Teufelskreis. Die Vorbildrolle der Eltern wird durch den Störenfried, z.B. das Smartphone, erschüttert und unsichere Bindungen entstehen.

Quelle: Österreichischer Präventionskongress 19, Joanna Schmölz, Digitalstrategin in der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg

Autoritativer Erziehungsstil

Zweitens muss verstanden werden, dass der durchaus zeitaufwendige partizipative und autoritative Erziehungsstil im Sinne von "hart aber herzlich" ein vielversprechender Weg wäre. Eher ist es aber so, dass Eltern dazu neigen, ihren Kindern sämtliche Probleme aus dem Weg zu räumen – und, so sagen die Studien – insbesondere hinsichtlich der Medienpräsenz im Leben von Kindern ab etwa etwa elf Jahren resignieren. Eine Studie aus Deutschland zeigt auch, dass heute über 30% der Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren keine Achtsamkeit mehr erfahren.

Herausforderungen

Eltern brauchen die richtige Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle des Medienumgangs und sie sollten Regeln vorgeben, die sinnvoll und durchsetzbar sind – gerade wenn sie mehrere Kinder haben.

Medien werden oft als Erziehungsmittel eingesetzt; insbesondere, wenn Erziehungsbereiche vermischt werden. So führt beispielsweise ein Nutzungsverbot oder der Entzug von "Medien" (Smartphones) zu einem Konflikt und zu einer Verschärfung der Situation. Auch hier ist es wichtig zu wissen, dass Eltern dieses "Erziehungsmittel" oft aus Überforderung nutzen, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen!

In vielen Studien ist belegt, dass die Eltern dann von der kindorientierten und bestenfalls autoritativen Erziehung – konsequent sowie gleichermaßen wertschätzend und einfühlsam – rasch auf Verbote "umschalten". In diesem Kreislauf der Ohnmacht folgen die Personen, die beruflich mit Kindern zu tun haben, und letztlich die gesamte Gesellschaft.

Quelle: Österreichischer Präventionskongress 19, Joanna Schmölz, Digitalstrategin in der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg

Folgen

Bei Personen mit erzieherischen, pädagogischen und medizinischen Berufen macht sich vielfach Ratlosigkeit bereit, weil die immer mehr zunehmenden "Auffälligkeiten" in Form von kognitiven und emotionalen Störungen wie Leistungsabfall, Konzentrationsstörungen, Online-Abhängigkeit/-Sucht bzw. "fear of missing out", erhöhtes Aufmerksamkeitsverhalten als eine Art "histrionischer Persönlichkeitsstörung", Gewalt – ganz besonders durch (Cyber-)Mobbing – und vielfach das Fehlen von Empathie zu einer dramatischen Überforderung für alle Beteiligten führen.

Diese Entwicklungen "schwappen" somit von der Familie über das soziale Umfeld, den Sozialraum in Kindergarten und Schule letztlich mit voller Wucht auf die Gesellschaft über. Hier richten sie bereits jetzt einen immensen Schaden an uns Menschen an, die wir – bei der Rasanz der technischen Entwicklung – im globalen Kontext vergessen und übersehen werden.

Mein Wunsch, meine Bitte!

Wenn wir bei der Wurzel ansetzen wollen, müssen wir der Macht "Medien" mit der Stärke "Mensch" begegnen und – von den Eltern über die unterstützenden Professionen – motivieren statt zu überzeugen.

Motivieren kann jeder. Es bedeutet jedoch Vertrauen aufzubauen, sich Zeit fürs Zuhören zu nehmen und kompetent zu reagieren.

Hilfreich dabei sind die drei Fragen: "Wie geht esdir/Ihnen?", "Was ist passiert?", Wie lösen wir das Problem gemeinsam?" Das bedeutet empathisch, bewertungsfrei, partizipativ, menschlich, fürsorglich und lösungsorientiert zu handeln!

Nur wenn wir wieder neu lernen, dass Erziehung nicht aus Büchern erlernbar ist, dass das Eingestehen von Überforderung und Hilflosigkeit kein Makel ist, dass der gemeinsame und persönliche Austausch über Kompetenzen und eine Vertrauensbasis wertvolle Ressourcen sind, dass Erziehung, Pädagogik und andere Professionen heute mehr Herausforderung bedeuten, die nur mit interdisziplinären Kooperationen zu meistern ist, und wir mit autoritativen Elementen wie Lob, Wertschätzung, Liebe, zuhören, sich Zeit nehmen und Partizipation mehr Empathie "produzieren", nur dann wird es uns gemeinsam gelingen, als Menschen Stärke zu zeigen und die Zukunft zu meistern.