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Masterplan Allgemeinmedizin

Alle müssen an einen Tisch

Unlängst erfolgte die Präsentation des „Masterplans Allgemeinmedizin“, der auf Initiative der ÖGAM in Kooperation mit der Bundessektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer (BSAM) und mit Unterstützung der universitären Allgemeinmedizin sowie der JAMÖ erarbeitet wurde. Das umfassende Strategiepapier sieht ein Bündel an vielfältigen Maßnahmen zur Lösung der anstehenden Probleme in der hausärztlichen Versorgung vor. ALLGEMEINE+ sprach mit einer der Initiatorinnen, Dr. Stefanie Poggenburg

Über ein Jahr intensive Arbeit sämtlicher – ehrenamtlich – Mitwirkender, die alle hausärztlich tätig sind, floss in die Erstellung des „Masterplans Allgemeinmedizin“ ein. Wie dringend dessen rasche Umsetzung ist, zeigt sich bereits heute. Österreich steht vor der akuten Herausforderung, dass nicht genügend Mediziner versorgungsrelevant als Hausärzte arbeiten wollen – ein Umstand, der vielfältige Gründe hat. In naher Zukunft wird folglich ein großer Teil der Kassenarztstellen schwer oder gar nicht zu besetzen sein. Hinzu kommt, dass in den nächsten 5 bis 10 Jahren in Österreich regional bis zu 65% der Hausärztinnen und Hausärzte in Pension gehen werden. Dementsprechend kann diesem Problem auch nicht mit einer einzigen Lösung, sondern nur mit einem Bündel an vielfältigen Maßnahmen begegnet werden, die unbedingt gesamtheitlich umgesetzt werden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Der Masterplan umfasst als Basisdokument über 50 Maßnahmen zur Attraktivierung des Hausarztberufes und basiert auf der besten Evidenz aus aktuellen österreichischen und internationalen Studien und der vorhandenen Expertise der vielen Koautoren, die oft schon jahrzehntelang hausärztlich tätig sind. Er ist als dynamisches Projekt zu verstehen und wurde auch mit einem Umsetzungsmonitor versehen, in dem der Status quo dokumentiert ist und der in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird.

Projektkoordinatorin und Initiatorin des Masterplans ist Dr. Susanne Rabady, Präsidentin der Nö. Gesellschaft für Allgemeinmedizin (NÖGAM). Weitere Hauptautoren der Koordinationsgruppe sind: Dr. Stephanie Poggenburg, Dr. Maria Wendler, Dr. Sebastian Huter und Dr. Christoph Fürthauer.

Die Lösungsansätze sind in sechs Bereichen angesiedelt:

  • Universitäre Ausbildung

  • Fachausbildung

  • Niederlassung

  • Niedergelassene Tätigkeit

  • Systemische Aufwertung

  • Ökonomische Wertschätzung


Dringend nötig: systemische Wertschätzung

Auf Systemebene bedarf es einer strukturellen Aufwertung der Allgemeinmedizin. Der Allgemein- und Familienmedizin kommt die bedeutendste Rolle in der primärärztlichen Versorgung zu. Sind die systemischen Voraussetzungen vorhanden, um diese Kernaufgaben zu erfüllen, erhöht sich auch die Attraktivität der Allgemeinmedizin. Daher sind eine facharztadäquate Honorierung und ein modernisiertes Honorierungssystem wesentliche Aspekte, um den Beruf zu attraktivieren.

Jede einzelne der ausgearbeiteten Maßnahmen hat für sich selbst mitunter wenig Wirkung. Essenziell ist die Umsetzung der miteinander verknüpften Maßnahmen in einem breit angelegten und von allen Entscheidungsträgern zu unterstützenden Maßnahmenpaket, das alle unterschiedlichen Aspekte der Attraktivierung berücksichtigt. Dafür braucht es einen verlässlichen Schulterschluss aller Systempartner jenseits aller Partialinteressen.

Im Interview fasst Univ.-Ass. Dr. Stephanie Poggenburg, Graz, die Hintergründe der Dringlichkeit des Masterplans und die Eckpunkte der Maßnahmen zur Lösung zusammen. „Die rasante Problematik des Hausärztemangels zeichnet sich bereits seit Längerem ab. Gleichzeitig sinkt das Interesse an der Hausarzt-
medizin. Daher haben wir uns die Frage gestellt, wie man den Hausarztberuf attraktivieren kann und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die primäre Patientenversorgung sicherzustellen.“

Hinsichtlich der universitären Ausbildung bedürfe es einer personellen und finanziellen Stärkung der universitären Allgemeinmedizin. „Wichtig ist eine longitudinale Verankerung allgemeinmedizinischer Lehrinhalte im Studium mit positiven praktischen Erfahrungen durch positive Rollenbilder in Form von Lehrenden aus der Allgemeinmedizin.“ Zentrales Element in der Fachausbildung sei der Facharztstatus: „Das ist der Dreh- und Angelpunkt.“

Weiters wichtig: Die Finanzierung der Lehrpraxen muss endgültig und langfristig sichergestellt sein. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrpraxisleiter sollte an Kompetenzzentren mit universitärem Anschluss und mit der reichen Expertise hausärztlich, in eigener Praxis, tätiger Lehrender stattfinden, mit regelmäßigen Reevaluierungen und einem verpflichtenden Fortbildungsangebot.

Was den niedergelassenen Bereich betrifft, betont Poggenburg die Notwendigkeit flexibler Formen der Zusammenarbeit, was von der nachkommenden Generation, und zwar von Männern und Frauen gleichermaßen, gewünscht wird. Wichtig sei, die Absolventen hinsichtlich Administration und Organisation bei der Praxisgründung zu unterstützen. Gefordert wird auch ein ökonomischer Gründerservice, der flächendeckend ausgebaut werden soll. Neben der Reduktion der administrativen Arbeitslast müsse die Randzeitenabdeckung ressourcenschonend durchgeführt werden.

Hinsichtlich der Kassenverträge sei eine Anpassung der Planstellen an die demografische Entwicklung erforderlich, bei zumindest gleichem Gehalt. Poggenburg: „Nicht nur unsere Umfrage zur Berufsmotivation Allgemeinmedizin, sondern auch vom Hauptverband initiierte Patientenbefragungen haben einhellig ergeben, dass der am höchsten gewichtete Wunsch von Ärzten und Patienten ist, mehr Zeit füreinander zu haben. Dem muss Rechnung getragen werden.“ Im Rahmen einer strukturellen Aufwertung sollte ein freiwilliges Anreizsystem für Patienten geschaffen werden, das den Hausarzt zur ersten Anlaufstelle macht.

Poggenburg betont die extreme Wichtigkeit ideeller Wertschätzung: „Hausärzte haben in Österreich ein enormes Imageproblem bei der fachärztlichen Kollegenschaft und den politischen Entscheidungsträgern“ – dem könnten Wertschätzungskampagnen entgegenwirken. Zentraler Punkt im Masterplan ist auch eine ökonomische Wertschätzung im Sinne einer facharztadäquaten Honorierung und einer Modernisierung des Leistungsspektrums, weg von der Einzelleistung hin zu einer modularen Honorierung.

Zur Umsetzung des Masterplans werde ein breiter, ideologisch und Parteien übergreifender Konsens notwendig sein, über alle Stakeholder und Interessenvertretungen hinweg. „Wichtig ist, dass Allgemeinmediziner mit ihrer Expertise in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Alle, inklusive ÖGAM, müssen an einen Tisch!“

Bericht: Dr. Hannelore Nöbauer
Quelle: Rabady, Susanne; Poggenburg, Stephanie; Wendler, Maria; Huter, Sebastian; Fürthauer, Christoph (2018): Masterplan Allgemeinmedizin. ÖGAM, Wien. Download unter www.oegam.at